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Weitere Fallbeispiele

48h Wilhelmsburg

Ort: Veddel und Wilhelmsburg (Bezirk Hamburg-Mitte), Hamburg

Zeit: jedes Jahr am zweiten Juniwochenende

Anzahl der Gäste: 20.000 Konzertbesuche in 2022

Institution: Netzwerk Musik von den Elbinseln (Projekt des Bürgerhaus Wilhelmsburg)

Tatenbank-Maßnahmen in diesem Fallbeispiel:

  • Awareness-Team für ein diskriminierungsfreies Festival
  • Beschwerdemanagement: Hotline für Anwohnende, Sensibilisierung der Gäste und nachbarschaftsfreundliche Programmplanung
  • Einbindung der diversen Nachbarschaft: Ein Festival von den Menschen für die Menschen im Quartier
  • 48h Wilhelmsburg ist ein partizipatives Musik- und Stadtteilfestival in Hamburg. 48 Stunden lang präsentieren Menschen aus den Stadtteilen Wilhelmsburg und Veddel an rund 50 Orten des Alltags ihre Musik. Neben den Konzerten gibt es auch Ausstellungen, Workshops und Kinderprogramm. Das Festival ist 2009 auf Initiative des Bürgerhaus Wilhelmsburg in enger Zusammenarbeit mit der Nachbarschaft entstanden und möchte auch heute – mit zunehmender Professionalisierung – ein Festival für die und von den Menschen im Quartier sein. Um dies zu erreichen, legen die Veranstaltenden einen großen Schwerpunkt sowohl auf Mitmach- als auch auf Beschwerdemöglichkeiten für die Nachbarschaft. Auch die Diversität des Viertels soll sich im Programm widerspiegeln. Dafür sprechen die Veranstaltenden verschiedene Gemeinschaften im Quartier direkt an. Seit 2019 gibt es zudem ein Awareness-Team, um einem friedlichen und diskriminierungsfreien Festival den Weg zu ebnen.

    Awareness-Team für ein diskriminierungsfreies Festival

    Problematik

    Auf Festivals wie 48h Wilhelmsburg kommen viele Menschen zusammen, um eine gute Zeit zu verbringen. Es kommt jedoch auch immer wieder zu grenzüberschreitendem Verhalten in Form von Gewalt oder Diskriminierung.

    Lösungsansatz

    Den Organisator*innen von 48h Wilhelmsburg wurde deshalb vor einigen Jahren bewusst, dass es während des Festivals eine Anlaufstelle für Betroffene von übergriffigen Situationen braucht – und richteten 2019 ein Awareness-Team ein. Die Gäste des Festivals können sich jederzeit an dieses geschulte Team wenden: Es ist während des Festivals über eine Hotline erreichbar und hat ein Mietauto zur Verfügung, um schnell vor Ort zu sein. Im Bürgerhaus Wilhelmsburg und im Sozialkontor Kirchdorf-Süd gibt es zudem Safer Spaces, die Betroffene ansteuern können. Über Flyer, die Website, Social Media und Plakate werden die Gäste auf diese Anlaufstelle und auf das Konzept Awareness aufmerksam gemacht.

    Herausforderungen

    Es ist schwierig, Menschen für das Awareness-Team zu gewinnen. Es ist eine bezahlte, jedoch auch anspruchsvolle Tätigkeit, die guter Vorbereitung bedarf. In Hamburg gibt es diesbezüglich noch keine ausreichenden Strukturen, auf die die Organisator*innen zurückgreifen könnten – beispielsweise mangelt es an Institutionen, die Menschen zu Awareness ausbilden und vermitteln. Über die Multiplikator*innen von 48h Wilhelmsburg sowie über Bekannte des Organisationsteams gelang es, ein Team aufzustellen, jedoch erforderte dies zusätzliche Arbeit. Eine weitere Herausforderung ist die Tatsache, dass 48h Wilhelmsburg eine sehr diverse Zielgruppe anspricht, der das Konzept Awareness nicht unbedingt geläufig ist. Hier bedarf es dementsprechend noch viel Aufklärungsarbeit.

    Bilanz

    Es ist unstrittig, dass das Festival ein Awareness-Konzept braucht. Gleichzeitig ist den Veranstaltenden jedoch unklar, inwieweit die Besucher*innen über das Awareness-Team Bescheid wissen und sich bei übergriffigen Erlebnissen tatsächlich an diese Anlaufstelle wenden. Der Schwerpunkt des Teams liegt deshalb bisher vor allem darauf, für Awareness zu sensibilisieren und über diese Maßnahme zu informieren. Außerdem verteilte das Team in 2022 aufgrund des sehr sonnigen Wetters Sonnencreme an die Gäste, um für einen sicheren Aufenthalt zu sorgen.

    Vision

    Awareness ist noch ein Nischenthema auf Hamburger Veranstaltungen. Die Organisator*innen von 48h Wilhelmsburg wünschen sich deshalb für Hamburg etablierte Strukturen im Bereich Awareness, auf die sie zurückgreifen können. Denn ohne eine solche Unterstützung stoßen die Veranstaltenden schnell an ihre Grenzen und es ist schwierig, solche Maßnahmen umzusetzen. Ziel ist eine diskriminierungsfreie und friedliche Atmosphäre – nicht nur bei 48h Wilhelmsburg, sondern auch bei anderen Hamburger Events.

    Umgesetzte Kriterien mit dieser Maßnahme

    • 8.2 Gesundheit & Sicherheit

    Schaubilder informieren über das Konzept Awareness und mögliche Anlaufstellen. Bild: Sarah Gorf-Roloff/Studio Ranokel

    Beschwerdemanagement: Hotline für Anwohnende, Sensibilisierung der Gäste und nachbarschaftsfreundliche Programmplanung

    Problematik

    48h Wilhelmsburg empfängt sowohl Menschen aus der Nachbarschaft als auch viele Gäste von außerhalb. Ein hohes Gästeaufkommen geht jedoch oft mit Belastungen durch Lärm, Müll etc. für die Anwohnenden einher. So gab es während 48h Wilhelmsburg in 2018 Lärmbeschwerden im Reiherstiegsviertel, die Polizei wurde eingeschaltet. Solche Beschwerden kommen gerade in Großstädten wie Hamburg häufig vor, in denen regelmäßig Veranstaltungen – mit meistens sehr vielen Gästen – stattfinden.

    Lösungsansatz

    Um solche Situationen zukünftig zu vermeiden, haben die Veranstaltenden von 48h Wilhelmsburg ein vielseitiges Beschwerdemanagement eingeführt. Dies umfasst zum einen eine Lärm- und Infohotline, unter der die Anwohnenden Belästigungen während des Festivals melden können. Die Veranstaltenden versuchen dann das Problem direkt – das heißt bestenfalls ohne Beteiligung der Polizei – zu lösen. Über Flyer, Website, Social Media und Stellwände werden die Anwohnenden über diese Beschwerdemöglichkeit informiert. Zudem werden auch die Besucher*innen für ein respektvolles Verhalten in der Nachbarschaft sensibilisiert, und beispielsweise gebeten, keinen Müll liegen zu lassen. Bei der Programmplanung achten die Veranstaltenden zum anderen darauf, dass sich die Konzerte auf viele verschiedene Orten verteilen, um die Belastung für Einzelne möglichst gering zu halten. Lang andauernde Partys finden aus diesem Grund idealerweise an abgelegenen Orten statt. Falls ein Ort dennoch viel bespielt wird, informiert das Festival die Anwohnenden vorab per Handzettel.

    Herausforderungen

    Ein erfolgreiches Beschwerdemanagement erfordert sowohl zusätzliche Kapazitäten als auch gute Kommunikation im Team.

    Bilanz

    Die verschiedenen Maßnahmen konnten die Belastungen für die Nachbarschaft deutlich senken. Die Anwohnenden haben die Hotline genutzt, statt die Polizei anzurufen. Die Veranstaltenden konnten so direkt reagieren und Probleme lösen. Zentral hierfür war die intensive Bewerbung der Hotline, sodass die Betroffenen die Telefonnummer griffbereit hatten. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei hat sich durch diese Maßnahmen verbessert: In der Regel informierte die Polizei zunächst das Festivalteam, bevor sie selbst vor Ort kam. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war auch die Verteilung der Konzerte auf möglichst viele Orte.

    Vision

    48h Wilhelmsburg möchte das Beschwerdemanagement so fortführen, um die Belastungen für die Nachbarschaft weiterhin möglichst gering zu halten.

    Umgesetzte Kriterien mit dieser Maßnahme

    • 8.3.1 Die Belastung für Anwohner*innen durch die Veranstaltung wird gering gehalten

    Bei der Programmplanung achten die Organisator*innen darauf, dass die Bedürfnisse der Anwohnenden berücksichtigt werden. Foto: Alena Sternberg

    Schaubilder sensibilisieren die Gäste für die Nachbarschaft. Bild: Sarah Gorf-Roloff/Studio Ranokel

    Ein vielseitiges Beschwerdemanagement sorgt für ein friedliches Miteinander zwischen Anwohnenden und Festivalbesucher*innen. Foto: Alena Sternberg

    Einbindung der diversen Nachbarschaft: Ein Festival von den Menschen für die Menschen im Quartier

    Problematik

    Als Nachbarschaftsfest gestartet, ist 48h Wilhelmsburg im Laufe der Zeit stark gewachsen, hat immer mehr Besucher*innen angezogen und bedurfte zunehmender Professionalisierung. Es sollte dennoch ein Fest der Nachbarschaft bleiben und so mussten die Veranstaltenden darauf achten, dass sie den direkten Bezug zu den dort lebenden Menschen erhalten. Dies war besonders angesichts der großen und diversen Nachbarschaft mit vielen unterschiedlichen Gemeinschaften herausfordernd: In Wilhelmsburg und auf der Veddel leben über 50.000 Menschen, viele Nationen sind hier zu Hause.

    Lösungsansatz

    Die Organisator*innen von 48h Wilhelmsburg binden die Nachbarschaft bei allen Schritten mit ein und bieten viele Beteiligungsmöglichkeiten: In einem ganzjährigen ko-kreativen Prozess gestalten die Anwohnenden im Rahmen von Workshops und öffentlichen Planungsrunden das Programm mit und wählen Veranstaltungsorte aus, bringen ihre Musik auf die Bühne, stellen eigene Projekte vor und nehmen an dem Festival teil. Das Bürgerhaus Wilhelmsburg organisiert diesen partizipativen Prozess seit der ersten Veranstaltung in 2009. Mittlerweile gibt es eine Projektleitung sowie eine Produktionsleitung mit zwei Assistenzen, die die Prozesse moderieren, auswerten und vor allem die Ideen und das Festival letztendlich umsetzen. Ein wichtiges Werkzeug, um insbesondere die Diversität des Viertels im Programm abzubilden, ist die sogenannte direkte Ansprache: Insgesamt acht Multiplikator*innen gehen dafür im Rahmen des Programmkomitees in die unterschiedlichen Stadtviertel (Georgswerder, Korallusviertel, Reiherstieg etc.), um dort Kontakt mit den Gemeinschaften vor Ort aufzunehmen, sie über das Festival und die verschiedenen Mitmachmöglichkeiten zu informieren und zur Teilnahme zu aktivieren.

    Herausforderungen

    Die direkte Ansprache erfordert viele Kapazitäten, denn Menschen und Gemeinschaften müssen ausfindig gemacht, informiert und aktiviert werden. Zudem sind Wilhelmsburg und Veddel zwei unheimlich diverse Stadtteile. Es gelingt deshalb nicht, alle Gemeinschaften anzusprechen und die Vielfalt der Elbinseln zu 100 % beim Festival abzubilden. Die Veranstaltenden haben sich deshalb dazu entschlossen, jedes Jahr Schwerpunkte zu setzen, und sich auf ein oder zwei Viertel des Stadtteils zu fokussieren.

    Bilanz

    Die Anwohnenden nehmen die Mitmachmöglichkeiten sehr gut an und die direkte Ansprache hat sich als Mittel bewährt, um unterschiedliche Gemeinschaften einzubinden. Das Festival erfährt insgesamt einen großen Rückhalt in der Nachbarschaft. Natürlich bringt viel Partizipation auch viele Meinungen und damit auch Auseinandersetzungen mit sich. Für die Veranstaltenden war es wichtig, sich dieser Sache bewusst zu sein, und ausreichend Kapazitäten dafür einzuplanen.

    Vision

    Das Festival möchte noch mehr seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden, indem es alle Menschen auf den Elbinseln erreicht. Vision ist, dass nicht nur alle Anwohnenden von dem Festival und den vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten wissen, sondern die Menschen auch selbst aktiv werden, das heißt ohne den Impuls der Veranstaltenden.

    Umgesetzte Kriterien mit dieser Maßnahme

    • 3.1 Programmempfehlung
    • 8.1 Zugänglichkeit der Veranstaltung
    • 8.3 Anwohner*innen

    48h Wilhelmsburg möchte die Menschen des Quartiers zusammenbringen und auch über das Festival hinaus vernetzen. Foto: Juha Hansen

    Die Anwohnenden können bei 48h Wilhelmsburg ihre Nachbarschaftsinitiativen vorstellen. Foto: Danilo Rößger

    Das Bürgerhaus Wilhelmsburg bietet auch während des Festivals Möglichkeiten für Austausch, Information und Diskussion. Foto: Juha Hansen

    Die Einbindung der Nachbarschaft von Beginn an erfordert viel Arbeit und Ausdauer – es gibt verschiedene Meinungen und auch Auseinandersetzungen. Aber es lohnt sich! Die Menschen auf den Elbinseln partizipieren auf vielfältige Weise an 48h Wilhelmsburg: Sie bringen ihre Musik auf die Bühne, geben Impulse für Veranstaltungsorte, gestalten das Programm mit und organisieren das Festival vor Ort. Der Rückhalt in der Nachbarschaft und das Netzwerk hinter 48h Wilhelmsburg wachsen so jedes Jahr weiter!

    Alena Kruse – Projektleiterin von 48h Wilhelmsburg

    Stand der Texte: August 2022